Petition für das Lichtspiel lanciert

Ausnahmsweise finden Sie auf unserer Website einen Artikel, der nicht direkt mit dem „Kalten Herz“ zu tun hat. Aber dennoch geht es um eine fürs „Kalte Herz“ sehr wichtige Institution. Denn nicht nur wird eine Archivkopie von unserem Projekt dort behütet, sondern auch zwei wunderschöne Premieren-Anlässe durften wir dort erleben. Für den Projektleiter Raff Fluri ist es ein wichtiger Ort für seine Arbeit, und nun ist die Kinemathek Lichtspiel in Bern in finanziellen Nöten.

Das Lichtspiel ist Kino, Werkstatt, Archiv und Museum. Seit fast zwanzig Jahren. Auf 1’000 Quadratmetern stehen 1’500 Projektoren, lagern 25’000 Kurzfilme, arbeiten 30 Personen – 10 davon beziehen Lohn. Jährlich finden über 100 private Veranstaltungen und mehr als 150 öffentliche Vorführungen statt. Das Schaulager ist europaweit einzigartig. Firmen, Familien, Vereine, Institutionen und Schulklassen erleben Kinogeschichte live. Für ihr Publikum steigen die Lichtspiel-Leute täglich ins Archiv, stellen Programme zusammen, diskutieren, verwerfen, führen vor. Im Gegensatz zu vielen grösseren Cinémathèquen, die sich vornehmlich an den bedeutenden Namen orientieren und sich den aus ihrem Blickwinkel filmhistorisch relevanten Filmen widmen, steht das Lichtspiel allen offen und interessiert sich auch für die kleinen Filme. Es ist wirklich eine Kinemathek für alle: Amateur-FilmerInnen finden hier direkt und unkompliziert Hilfe zu ihren Familien- und Schmalfilmen. Damit trägt das Lichtspiel einen wichtigen Beitrag zum Erhalt des nationalen Gedächtnisses bei. Es arbeitet aber auch mit professionellen Filmschaffenden, denkt mit AusstellungsmacherInnen und bedient Festivals mit einmaligen Programmen. Vieles davon kostenlos und ehrenamtlich. Die MitarbeiterInnen des Lichtspiels reparieren, restaurieren, vermieten, liefern Ersatzteile – oder bauen diese nach.

Bund-180531-Archiv-als-Milchkuh-Aushang-kleinDas Lichtspiel bleibt dabei chronisch unterfinanziert, da die Dienstleistungen zu einem fairen Preis angeboten werden sollen. Für die Subventionsperiode 2020-2023 haben sie bei der Stadt einen jährlichen Unterstützungsbeitrag von 205’000 Fr. beantragt. Die Stadt Bern schlägt abweichend davon einen Leistungsbeitrag von 130’000 Fr. vor (genau dieser Betrag geht für die Miete der Räumlichkeiten wieder an die Stadt zurück), dazu 25’000 Fr. gebunden an externe Management-Unterstützung – mit dem Ziel, dass sich das Lichtspiel „ab 2024 aus eigener Kraft finanzieren“ sollte.

Auf der Website der Stadt Bern können Sie die vorgesehenen Beiträge an die unterschiedlichen Institutionen einsehen. Was sofort auffällt: Die unterschiedliche Höhe der vorgesehenen Beiträge. Für einen unbedarften Leser wie mich lässt sich kein Verhältnis des gesprochenen Betrags zum Potenzial der Leistungen bzw. zur Publikumswirksamkeit – Breite und Vielfalt des Zielpublikums – ausmachen.

Die Stadt Bern hat für die kommenden drei Jahre also je 25‘000 Fr. gesprochen für ein Mandat, das die Kinemathek Lichtspiel auf eine selbstfinanzierte Zukunft vorbereiten soll. Während die cinémathèque in Lausanne auf Bundesgelder zurückgreifen kann, sollte sich das Lichtspiel also irgendwie selber finanzieren. Aber wie bitte, wenn sich selbst kommerzielle Kinos nur dank Kinowerbung und Gastronomie einigermassen über Wasser halten können? Wenn gar die Kunsthalle Bern (die auch ein Archiv für Kunstwerke betreibt) jährlich eine Million von der Stadt erhält? Die Grosse Halle organisiert Konzerte, die meistens Eintritt kosten notabene, aber auch anderweitige Anlässe. Sie erhält CHF 240’000.– wobei die Betreiber der Reithalle, zu der die Grosse Halle gehört, ebenfalls (also noch zusätzlich!) CHF 380‘000.– erhalten. Wenn gar für das Kino Rex in Bern zurecht CHF 260‘000.– vorgesehen sind, das Lichtspiel aber bloss die Hälfte erhält bei einer immens grösseren Infrastruktur und umfangreicherem Dienstleistungsangebot  – wo, bitte sehr, ist hier das Verhältnis? Ein Filmarchiv lässt sich kaum kommerziell nutzen. Falls doch, dann wäre die um einiges grössere Cinémathèque in Lausanne nicht auch auf Bundesgelder angewiesen, oder?

Die aufgezählten Institutionen sind alle wichtig und haben ihren Zuschuss von der Stadt sicherlich verdient, aber die Zahlen zeigen, dass die Verhältnisse nicht stimmen. Dies lässt mich vermuten, dass die Entscheidungsträger sich nicht über die Tätigkeiten, den Aufbau und die ideelle Bedeutung des Lichtspiels bewusst sind. Zudem kann eine Einrichtung wie das Lichtspiel nicht alleine von städtischen Geldern getragen werden, also auch der Bund steht da in der Pflicht. Und da hoffe ich, dass möglichst viele PolitikerInnen einen Einblick in das Schaffen und die Räumlichkeiten des Lichtspiels gewinnen können. Es geht hier um Kulturgut, dass die Welt über die letzten 100 Jahre in Form von bewegten und statischen Bildern, Tönen und Gerätschaften dokumentiert. Und wir alle wissen, wie wichtig es ist, aus der Geschichte zu lernen.

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Das Filmarchiv ist international vernetzt und hat eine Bedeutung über die Landesgrenzen hinaus. Dem Lichtspiel fehlen jährlich 75’000 Franken. Der Weiterbestand der Kinemathek ist unter diesen Umständen gefährdet. Der Kanton Bern kann wegen des Subsidiaritätsprinzips nur bei Einzelprojekten zusammen mit der Standortgemeinde unterstützen.

Wenn also jemand eine Idee hat, wie das Lichtspiel zu Geld kommen könnte, möge sich doch gerne bei mir oder direkt im Lichtspiel melden. Auch Weitersagen, das Lichtspiel besuchen, Freunden und vor allem befreundeten Politikern von der Wichtigkeit des Lichtspiels erzählen – all das ist wichtig und hilft uns bei der Suche nach einer Lösung. Oder weiss jemand gar eine/n MäzenIn? Wäre doch ein tolles Geburtstagsgeschenk zu 20 Jahren Lichtspiel. 😉

Die Vernehmlassung zur neuen Subventionsperiode läuft bis zum 2. Juli. Wir kämpfen für den höheren Beitrag. Jede Stimme und jede bei der Stadt eingereichte Stellungnahme, die uns dabei unterstützt, zählt. Halten Sie fest, dass es für das Lichtspiel unmöglich ist, seine Leistungen ohne die beantragte Erhöhung der Subvention weiterhin zu erbringen. Formulieren Sie, dass sonst die hoch professionell und vielfältig funktionierende Kinemathek in ihrer heutigen Qualität aufgegeben werden muss. Das Lichtspiel ist auf Ihre Unterstützung angewiesen und dankt herzlich für Ihre Stellungnahme gegenüber der Stadt.

Stellungnahmen können online unter oder schriftlich an Kultur Stadt Bern, Effingerstrasse 21, 3008 Bern eingereicht werden. Zudem wurde eine Petition an den Gemeinderat der Stadt Bern lanciert. Die Unterschriftenbogen können hier heruntergeladen, ausgedruckt, ausgefüllt und per Post an die angegebene Adresse eingeschickt werden. Merci vielmals für Euren Einsatz!!

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